Auktion 167C

Murano Glas

16. März 2023 um 15:00 MEZ

Einlieferung bis
14. Januar 2023


1911 engagierte die Manufaktur Fratelli Toso, die ansonsten für serielle dekorative Arbeiten im traditionellen Stil bekannt war, den namhaften Künstler Hans Stoltenberg-Lerche. Es sollten für die 10. Biennale von Venedig herausragende Werke geschaffen werden und so ließ man den in Düsseldorf geborenen, in Rom und Paris tätigen, Bildhauer in die Serenissima kommen. Stoltenberg-Lerche war bereits für seine figurativen symbolistischen Gefäße der Jahrhundertwende bekannt - er erhielt unter anderem eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1900. In Murano beschäftigte der ausgebildete Keramiker sich offensichtlich intensiv mit dem ihm fremden Material und entdeckte dessen Vorzüge. Transparenz in variierender Intensität, die Farbigkeit, die, davon beeinflusst, zwischen stark leuchtend und zart schimmernd pulsiert. Mit Hilfe der Meisterschaft der Glasbläser der Manufaktur Fratelli Toso setzte er seine künstlerischen Vorstellungen in dem für ihn ungewohnten Material um und schuf einzigartige, zuvor noch nie gesehene Gefäße mit stimmungsvollen, impressionistisch abstrahierten Ansichten. Bei der auf € 6.000 - 7.000 taxierten Vase, die aus einer bedeutenden deutschen Privatsammlung stammt, ist der Spieltraum bei der Interpretation der Darstellung groß. Die Vase ist horizontal grob in drei Farbfelder gegliedert, wobei das Violett im unteren Bereich die dunklen Wasser Venedigs und das in der Mitte leuchtende Gelb und Grün die beleuchteten Gebäude darüber darstellen könnten. Fratelli Toso hat damit die Tradition, auswärtige Künstler in die Stadt zu holen bereits zehn Jahre früher begonnen als die dafür bekannte Manufaktur Venini.

Venedig als Handelsplatz mit globaler Bedeutung seit dem Mittelalter hat sich stets die Vorzüge des damit verbundenen Zuflusses von Wissen und Kreativität zunutze gemacht. Dem Abfluss wurde eher ein Riegel vorgeschoben - so durften Glasbläser im Mittelalter Venedig nicht verlassen. Als es nach dem Ersten Weltkrieg wieder bergauf ging engagierte die vom Mailänder Juristen Paolo Venini gegründete Manufaktur Venini in rascher Folge international renommierte Künstler. Vittorio Zecchin, Napoleone Martinuzzi, Tomaso Buzzi und Carlo Scarpa - sogar die aus Schweden stammende Künstlerin Tyra Lundgren. In der Auktion sind zwei bedeutende Vasen im Angebot, die Carlo Scarpa für Venini schuf. Die auf € 10.000 - 14.000 taxierte Vase ‚Battuto‘ entwarf Scarpa um 1940. Sie ist in dunklem Bernsteinton gehalten und mit fein strukturiert geschliffener, hammerschlagartiger Oberfläche versehen. Die Vase ist mit dem nur Anfang der Vierziger Jahre verwendeten Ätzstempel ‚venini murano ars‘ versehen. Der Zusatz ‚murano ars‘ musste wegen der Zollbeschränkungen in den Kriegsjahren verwendet werden, um zu deklarieren, dass es sich um Kunst und nicht um kriegstaugliche Materialien handelte. Bereits 1938 entwarf Scarpa die schlanke Vase in zartem Grün ‚Corroso‘, die in der Auktion mit € 3.800 - 4.800 geschätzt ist. Scarpa war fasziniert von der flächendeckenden Bearbeitung der Oberfläche des Glaskörpers, was man daran erkennt, dass er diverse Techniken benutzte: Aufrauen durch Säureätzung, metallischer Glanz (Irisierung) durch Brand im Reduktionsofen und strukturierte Mattierung durch das Schleifrad. Neben Transparenz und Farbigkeit fügte er dem Gefäß dadurch eine weitere Dimension hinzu. Diese weitere Dimension regelt die Wirkung der zwei anderen, besonders wenn sich die Lichtverhältnisse ändern, zum Beispiel im Tagesverlauf, wenn das Gefäß auf der Fensterbank steht. Die Oberflächenstruktur kann dann verstärkend oder abschwächend wirken.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Venini weiterhin auf internationale Künstler. Nur für ganz kurze Zeit war der US-amerikanische Künstler Thomas Stearns für Venini tätig. Seine Arbeiten, die in Murano entstanden, vereinen traditionelle Glas-Techniken mit avantgardistischer Kunst. Die horizontal gegliederte Vase, die in der Auktion zum Aufruf kommen wird, ist mit Mark Rothkos Farbfeldmalerei verwandt. In aufwendiger ‚Incalmo‘-Technik sind drei Glasteile miteinander verbunden, ganz unten tiefes Blau, mittig nahezu transparentes Glas und im oberen Bereich transparentes Glas mit einer dichten stark irisierten umlaufenden schwarzen Fadenauflage. Die Annahme, dass auch hier eine stark abstrahierte Landschaft oder Stadtansicht als Inspiration zugrunde liegt, ist naheliegend. Die äußerst seltene, 1962 entstandene, Vase ‚A fili‘ ist auf € 10.000 - 14.000 taxiert.

Extrem farbenfroh geht es mit Ercole Baroviers Entwürfen der 1960er Jahre weiter. Der Christian Dior gewidmete, in Schottenmuster gehaltene Flakon mit Stopfen aus dem Jahr 1969 ist auf € 5.000 - 6.000 taxiert. Die bereits 1961 kreierte Vase ‚Intarsio‘ in großen hell- und dunkelblauen Dreiecken wird mit € 4.000 - 5.000 in die Auktion gehen. Und von dem äußerst seltenen Dekor ‚Rotellato‘ aus dem Jahr 1970 sind gleich zwei hohe Vasen im Angebot. Hier sind leuchtende Murrine in Blau bzw. Rot mit opaleszentem Weiß dicht aneinander gereiht. Die Assoziation wandert hier zwischen einem lebhaften floralen Textilmuster, wie man es von Strickjacken jener Zeit kennt, und Bildern aus der Technik, da es sich auch um ineinandergreifende Zahnräder handeln könnte. Egal ob rot oder blau, die Vasen sind mit jeweils € 8.000 - 10.000 taxiert.