Los: 610

Erich Heckel (Döbeln 1883 - 1970 Radolfzell)
Künstlerpostkarte 'Frau bei der Toilette', 1911

Erich Heckel

Farbige Kreiden über Tuschfeder auf frankierter Vordruck-Postkarte adressiert und geschrieben an Frau Käthe Bleichröder. Poststempel Berlin SW 17.11.1911. 14,0 x 9,0 cm. Verso vom Künstler handschriftlich in Tusche bezeichnet: "Frau K. Bleichröder Hamburg Hartungstr 7a Sehr geehrte Frau, ich habe mit grosser Freude von Kirchner gehört, dass Sie ein Blatt von mir für Ihre Sammlung behalten haben. Hoffentlich habe ich Gelegenheit Sie hier wiederzusehen. Mit herzlichen Grüssen Ihr sehr ergebener Heckel - Berlin SW Friedrichstraße 214 EG" (letzte Zeile über den Text gesetzt). Das Jahr 1911 markierte eine Wende im Leben von Erich Heckel und seinen Mitstreitern in der Künstlergruppe „Brücke“. Hatte er sich von 1907 bis 1910 lange mit Schmidt-Rottluff in Dangast an der Nordsee aufgehalten, von 1909 bis 1910 in den Sommermonaten mit Ernst-Ludwig Kirchner, Max Hermann Pechstein, Freundinnen und Modellen an den Moritzburger Teichen bei Dresden, so verbrachte er den Sommer 1911 mit seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau, der Tänzerin Sidi Riha in Prerow an der Ostsee im Landhaus „Dorneneck“. In dieser Zeit, stimuliert von der natürlichen, unberührten Umgebung, entwickelte sich der Akt in ungezwungener Bewegung und freier Natur zum Lieblingsmotiv der „Brücke“-Künstler. Es formierte sich generell ein neuartiger Gruppenstil: Nackte Menschen standen nun an den Ufern der Gewässer, Landschaften bekamen durch expressive Farbgebungen einen enorm lebendigen Charakter, spontan wurden Gesichter mit wilden, gestischen Pinsel- oder Tuschfederstrichen festgehalten. Erich Heckel hatte sich schon 1910 in Berlin aufgehalten und dort Otto Mueller kennen gelernt. Im Jahr darauf, im Winter, wohl im Monat Dezember, siedelte er mit seiner Lebensgefährtin Sidi und den anderen Mitgliedern der „Brücke“ endgültig nach Berlin über und übernahm dort das Atelier von Otto Mueller. Diese Karte entstand in der Zeit des Umzugs Erich Heckels von Dresden nach Berlin. Als Information für seine Sammlerin gibt Erich Heckel seine neue Anschrift in Berlin bekannt, die Friedrichstraße 214 in der Berliner Mitte. Die kleine, intime und spontan entstandene Zeichnung steht ganz im Zeichen der heckelschen Aktmalerei dieser Zeit. Da Sidi ab 1911 Heckels Lieblingsmodell für Aktdarstellumgen war, liegt es nahe, dass sie es ist, die in dieser intimen Szene bei der Toilette dargestellt ist - allerdings trug sie eine andere Frisur als der hier dargestellte Halbakt.

Zuschlag: 30.000 €

127C - Moderne Kunst
23. Juni 2016 um 15:00

Literatur:

Provenienz: Sammlung Käthe Bleichröder; Sammlung Dr. Rosa Schapire; Nachlass Dr. Elsa Hopf. Literatur: Rosa. Eigenartig Grün. Rosa Schapire und die Expressionisten. Ausstellungskatalog des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg 2009, S. 317 (dort fälschlicherweise 1917 datiert); Die Maler der "Brücke", Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995 (passim).