Pâte de verre

Quittenbaum Kunstauktionen freut sich, am 28. April 2009 über 50 Pâte de verre - Glasplastiken im Rahmen der Jugendstil und Art Déco Auktion aufrufen zu können.

Die sogenannte Pâte de verre blickt auf eine lange Tradition zurück, die bis ins zweite Jahrtausend v. Chr. zu datieren ist. Generell wird für diese besondere Art der Glasherstellung eine mit einem Bindemittel (Wasser) versetzte farbige Glaspulverpaste verwendet, die in ein Model oder eine Negativform eingedrückt wird und bei relativ niedrigen Temperaturen zu einer homogenen Glasmasse verschmolzen wird. Die der Keramik verwandten Pâte de verre-Technik bietet zudem den Vorteil, Farben und Formen präzise einsetzen und modellieren zu können. Mesopotamien war das erste Land, das diesen Vorgang für die Gestaltung von Schmuck und Skulpturen verwendete. Vor allem die Ägypter entwickelten die Technik zwischen 1500 und 1000 v. Chr. weiter. Jedoch, als die Glasbläserei vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. im syrischen Raum erfunden wurde, konnte Glas einfacher und kostengünstiger produziert werden; die Pâte de verre geriet in Vergessenheit.

Erst im 19. Jahrhundert wurde diese antike Kunstfertigkeit in Frankreich wieder neu belebt. Ursache dafür waren archäologische Ausgrabungen, die ägyptische Pâte de verre-Amulette oder andere skulpturale Grabbeigaben zu Tage brachten. Fasziniert von dieser Glaskunst trieb als einer der ersten Henry Cros (1840-1907), archäologisch interessierter Bildhauer, die Forschung der Pâte de verre Glasherstellung an. Als bedeutender Nachfolger von Cros galt der Bildhauer François Décorchemont (1880-1971), vortrefflicher Techniker und Experte der Mineralogie und Chemie. Ein schönes Beispiel ist seine kleine glockenförmige Vase mit antiken Dekorelementen. Übrigens ist bis heute das Geheimnis seines speziellen Herstellungsverfahrens noch nicht vollständig gelüftet.

Zu den bekanntesten Pâte de verre-Künstlern zählt der Franzose Amalric Walter (1870-1959), der diese alte Technik ebenfalls wieder entdeckte und verfeinerte. 1903 übernahm Walter die künstlerische Leitung bei der Glasfabrik Daum Frères & Cie in Nancy, zwischen 1904 und 1914 kreierte er zusammen mit Henri Bergé (1870-1930) eine Menagerie verschiedenster Tiere, Insekten und Reptilien, entweder als kleine Skulpturen, Briefbeschwerer oder als Tischdekorationen. 1918 trennte Walter sich freundschaftlich von Daum und eröffnete sein eigenes Studio, das er bis in die späten 1930er Jahre führte. In der Form vorgegeben wird von nun an die Signatur ‚AWalter Nancy’, meistens mit Entwerfernamen. So entstanden beispielsweise die Vase ‚Blé’ mit umlaufendem Reliefdekor aus Getreidehalmen (Schätzpreis € 6.000, Abb. 3 rechts), die Schmuckdose mit Schnecke (Schätzpreis € 4.500, 1. Abb. unten im englischen Text) oder der blaue Eisvogel ‚Martin-pêcheur’ (Schätzpreis € 2.000, Abb. 4, unten). Einige bedeutende Entwerfer waren für Walter tätig, wie etwa Jacques Adnet (Vase, um 1925, Schätzpreis € 3.300,-, 2. Abb. unten im englischen Text) oder André Houillon (Schale ‚Faisan’, um 1925, Schätzpreis € 1.600,-, 3. Abb. unten im englischen Text). Durch den kontrollierten Farbauftrag konnten immer wieder intensive Töne erzielt werden.

Auch der Künstler Gabriel Argy-Rousseau (1885-1953) beschäftigte sich verstärkt nach dem 1. Weltkrieg mit Pâte de verre; seine Schöpfungen gewannen auf der großen Pariser Kunstgewerbeausstellung 1925 internationale Anerkennung.

Heute erfreuen sich die seinerzeit begehrten Pâte de verre-Plastiken mit dem charakteristisch milchigen, transparenten Grund und samtiger Oberfläche großer Sammelleidenschaft. Im April 2007 konnte Quittenbaum die beeindruckende Schale 'Bernard l'hermite' mit dem großen Einsiedlerkrebs auf Algen für € 22.000,- zuschlagen.

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