Martinuzzi, Napoleone (1882-1977)

In den dreißiger und vierziger Jahren gehörte Napoleone Martinuzzi sowohl zu den bedeutendsten Bildhauern als auch Glasdesignern in Italien. Er stammt, wie viele Glaskünstler aus einer Glasbläserfamilie. Erste gestalterische Erfahrungen machte in der Werkstatt von Giacomo Vivante, der auf Keramikobjekte im Stile Liberty spezialisiert war und in der Werkstatt von Achille Tamburlini und Antonio Carbonaro, die Terrakotten und Eisenobjekte herstellten. Mit dieser kunsthandwerklichen Vorbildung gerüstet, besuchte er von 1906 bis 1909 Aktkurse bei dem Bildhauer Antonio Dal Zotto an der Accademia di Belle Arti in Venedig. 1908 stellte er bereits erste Skulpturen in der Ca' Pesaro aus. 1910 zog Napoleone Martinuzzi für zwei Jahre nach Rom. Der Aufenthalt in der Hauptstadt verschaffte ihm vielfältige künstlerische Anregungen und Kontakte zu ausländischen Künstlern. Seine Skulpturen zeigen den Einfluss der Jugendstilmeister Gustav Klimt und George Minne. Als Mitarbeiter der Werkstatt von Angelo Zanelle arbeitete er zudem an dem monumentalen Ehrenmal aus Marmor für den ersten König des vereinten Italiens Vittorio Emmanuele II. an der Piazza Venezia mit. Nach seiner Rückkehr in die Lagunenstadt stellte er nunmehr als anerkannter Bildhauer 1920 auf der Biennale aus.

Wann genau Napoleone Martinuzzi begann, sich mit der Materie Glas zu beschäftigen ist nicht bekannt. Prägend wirkte sich vermutlich seine Bekanntschaft mit dem Literaten Gabriele D'Annunzio aus, der mit seinen ästhetischen Vorlieben viele Künstler seiner Generation beeinflusste. 1921 schuf Martinuzzi mit Email bemalte Gläser nach dem Vorbild von Vittorio Zecchin. 1924 ließ er im Auftrag von D'Annunzio auf Murano ein Glasfenster nach einer Vorzeichnung des Malers Guido Cadorin anfertigen. Bereits 1922 war ihm die Leitung des Museo Vetrario übertragen worden. Ab 1925 avancierte das Entwerfen von Gläsern zu Napoleone Martinuzzis zweiter Hauptbeschäftigung neben der Bildhauerei. Als künstlerischer Leiter von Venini & Co. führte er in den ersten Jahren den von seinem Vorgänger Zecchin vorgegebenen klassischen Stil der dünnwandigen Soffiati weiter. Ende der zwanziger Jahre ließ Paolo Venini seinem Designer freie Hand. Auf der Grundlage seiner Tätigkeit als Bildhauer erweiterte Martinuzzi das Repertoire des Venini-Katalogs durch zahlreiche Figuren und neue Glasmaterialien. Zu den ersten Neuerungen gehören die sogenannten Pulegoso-Vasen in dunkelgrünem Schaumglas. Diese mit Luftblasen angereicherte Masse wurde auch für die Serie dekorativer Kakteen und Gummipflanzen verwendet, die den modern eingerichteten Haushalt zieren sollten. Martinuzzis extravagante Entwürfe waren von privaten und öffentlichen Auftraggebern gleichermaßen begehrt. Für das Postgebäude in Bergamo schuf er einen 2,50 m hohen Kaktus. In Gabriele D'Annunzios Wohnhaus am Gardasee findet man neben Vasen und Leuchten auch zahlreiche Glasfrüchte- und Gemüse wie Maiskolben, Trauben, Paprika und Auberginen. Als künstlerischer Leiter von Venini war Martinuzzi auch für die Gestaltung von repräsentativen Leuchtern und Lampen verantwortlich. Den traditionellen ornamentreichen Murano-Lüstern setzte er klare Formen entgegen, die oft in Schaumglas Glas ausgeführt wurden.

1932 trennte sich Napoleone Martinuzzi von Venini & Co. und gründete gemeinsam mit Francesco Zecchin die Firma Martinuzzi-Zecchin, die bereits 1933 auf der Triennale in Mailand mit einer Serie von mehrschichtigen Gläsern in leuchten Farben wie Korallenrot und Kobaltblau positive Resonanz erzielten. Die größte Neuerung der Firma waren jedoch Aktfiguren aus dickem Glas, die große Ähnlichkeit zu Martinuzzis Skulpturen aus Stein und Marmor haben. Die Frauenfiguren wurden von ausgesuchten Handwerkern wie Otello Nason, Francesco Martinuzzi und Alfredo Barbini am Ofen modelliert. Obwohl die junge Firma Erfolge verbuchte - auf der Biennale von 1934 wurde sie eingeladen, ihre "Juwelen aus Glas" zu zeigen - , konzentrierte sich Napoloene Martinuzzi ab Mitte der dreißiger Jahre ganz auf seine Karriere als Bildhauer. Erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kehrte er zur Glaskunst zurück. Mitte der vierziger Jahre wurde er künstlerischer Leiter der neu gegründeten Firma Arte Vetro Alberto Seguso. Ab 1952 entwarf er für Guido Cenedese & C., wo er seine Vorlieben für skulpturale Gläser auf reges Interesse stießen. in den sechziger Jahren lieferte er Entwürfe für Barbini. Zu großer Verwirrung unter Sammlern führte die Reedition seiner weiblichen Akte aus den dreißiger Jahren, die in den siebziger Jahren von Pauly & C. angeboten wurden.

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