Das Rozenburger Eierschalenporzellan

Auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 wurde das Rozenburger Porzellan der Öffentlichkeit vorgestellt. Das sogenannte Eierschalenporzellan unterwarf sich keiner Stilrichtung, ist keck und eigentümlich in der Form, phantasievoll im Dekor, und zeichnet sich durch ein extrem dünnwandiges und leichtes Material von elfenbeingelber Farbe aus. Nach dem triumphalen Erfolg auf der Welstausstellung kamen die Porzellane ab Juni 1900 in den Handel, der Bestand war innerhalb einer Woche verkauft. Die Herstellung dieses Porzellans war dem ungebrochenen Willen des jungen und tatkräftigen Leiters der Fabrik Jurriaan Kok war zu verdanken. Das neuartige Porzellan der Haagsche Plateelbakkerij Rozenburg leistete damit einen wichtigen Beitrag Hollands zur Kunst des Jugendstils. Insgesamt wurden mehr als 900 Modelle ausgeführt, davon circa 300 in Eierschalenporzellan, über 300 Maler und Malerinnen waren beschäftigt.

Doch der hohe Preis und die daraus resultierende recht dünne Käuferschicht erfüllten die Erwartungen nicht. Leider musste kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 die Produktion eingestellt werden, 1917 wurde die Manufaktur geschlossen.

Geschichte der Manufaktur Rozenburg

Die Haagsche Plateelbakkerij Rozenburg in den Niederlanden existierte nicht lange, doch das Formen- und Dekorrepertoire, das die Firma in Fayence, Steingut und Porzellan hinterließ, war vor allem im Vergleich zu anderen großen europäischen Manufakturen breit und wurde schon bald nach dem Ende der Fabrikation 1917 als museumswürdig betrachtet. Vor allem verbindet man heute mit dem Namen Rozenburg das dünnwandige Eierschalenporzellan, das unter Sammlern weltweit begehrt ist.

Ein deutscher ehemaliger Kavallerieoffizier, Freiherr Wolf von Gudenberg, der in Delft als Porzellanmaler gearbeitet hatte, beschloss 1883 auf eigene Rechnung ‚Holländisches Delft’ herzustellen, ein Steingut, das seit circa Mitte des 17. Jahrhunderts hauptsächlich in dieser Stadt erzeugt und mit typischer Blau-Weiß Malerei verziert wurde. Er errichtete einen Betrieb in einem Landhaus in den Haag, das sich ‚Rozenburg’ nannte. Diesen Namen übernahm die Manufaktur. Leider war die produzierte Fayence nicht ertragreich, die folgenden Verwaltungsdirektoren wechselten schnell, bis 1895 der künstlerische Leiter für Rozenburg, J. Jurrian Kok, die Leitung der Manufaktur übernahm. Er erkannte schnell, dass die große Manufaktur nur bestehen konnte, wenn hochwertige Produkte hergestellt wurden. Denn das Material musste von Auswärts bezogen werden, es gab keine Steinkohle, keine brauchbare Tonerde, kein Material für Glasuren und Farbe. Sämtliche Rohstoffe wurden aus England oder Deutschland bezogen. Es war schwierig mit den zahlreichen Fayencefabriken des Auslands zu konkurrieren. Kok, der als Architekt und Baumeister ein Auge für Linien und Formen hatte, brachte Schwung in das Unternehmen. Die Fabrik stellte kunstvolle Fayencen her, Vasen, Kannen, auch Wandteller, doch das grobe schwere Steingut reichte nur für Zierrat. Ein edles Material sollte verarbeitet werden! Feines, durchsichtiges Porzellan herstellen zu können, das war Koks Wunsch. Wäre er durch die Schule der Fayencefabrikation gegangen, so wäre er wahrscheinlich vor den Schwierigkeiten der Umsetzung zurückgeschreckt. Rezepturen für Porzellan gab es genügend, aber die Ausführung war problematisch. So mussten etwa erst Öfen gebaut werden, in denen hohe Temperaturen erreicht werden konnten, die Stücke mussten auf der richtigen Temperatur gehalten werden, dauert es zu lange oder war die Hitze zu stark, schmolz das feine Porzellan, und viele andere Kleinigkeiten und Kunstgriffe waren zu beachten; mit Hilfe des begeisterungsfähigen Chemikers M.N. Engelen fing Kok im Geheimen an, Porzellan zu machen. Vieles misslang, doch 1899 war es erreicht: Eine neue, technisch interessante Keramik, das ‚Eierschalenporzellan’, konnte in Produktion gehen.

Art und Herstellung des Eierschalenporzellans

Der Name Eierschalenporzellan deutet auf die Materialbeschaffenheit des Scherbens hin. Dieser ist hauchdünn, das Licht scheint wie durch eine Eierschale hindurch. Die Zusammensetzung des Eierschalenporzellans ist heute genau bekannt, über die Herstellung wurde unter Kok genau Buch geführt. Das Rozenburg Porzellan ist eine von Juriaan Kok abgewandelte Form des englischen Knochenporzellan (Bone China), das er für seine spezifischen Wünsche, also der Entwicklung einer gießbaren Masse und dem dünnwandigen aber harten Endprodukt, abwandelte.

Form Das glasartige, weiche Material ermöglichte es, hohle Formen zu schaffen, die sonst nicht auszuführen gewesen wären. Die für die Töpferei typischen Rundformen wichen einer kantigen oder geschweiften Erscheinungsform. Die Stücke wirken wie kleine Kunstwerke eines Baumeisters. Die eigentümliche Gestaltung hatte durchaus seinen Grund; wegen der Kanten war das dünne Porzellan stabiler als bei runden oder zylindrischen Formen. Dies ist ein Grund, warum die Gefäße beim Brennvorgang nicht in sich zusammenfielen oder schrumpften. Die oft bizarren Gefäße, hauptsächlich Kannen, Tassen und Dosen, wirken trotzdem weich, Henkel oder Deckel gehen geschmeidig in den Korpus über. Auch von der zeitgenössischen Kritik wurden diese Werke als individuell und durchaus positiv aufgenommen. In Serienfertigung gingen circa 315 Modelle, viele sind Variationen von Grundformen. Die Zweckmäßigkeit soll auch im Vordergrund gestanden habe, Ösen und Henkel lagen bequem in der Hand. Dies mag zwar der Wunsch der Manufaktur gewesen sein, doch ob das Porzellan tatsächlich im Gebrauch war, ist höchst zweifelhaft.

Farben Unter Kok wurde bei Rozenburg nicht nur der Bestand an Formen erneuert sondern auch eine hellere und abwechslungsreichere Farbpalette eingeführt. Die verwendeten Farben sind zahlreich, als Hauptfarben erscheinen gedämpftes Braun, Grüntöne, Violett und Blau, intensivere Wirkung wird mit Kanariengelb und dem tiefen Emailblau erzielt. Die Farbzusammenstellung war teils kühn, teils zart. Bei der Herstellung des Eierschalenporzellans entdeckte man bei Rozenburg, dass die farbigen Dekore besser zur Geltung kamen, wenn die Farben unter Glasur gebrannt wurden. Und vor allen Dingen in einem Brennvorgang, nicht in mehreren wie bei der traditionellen Delfter Ware. Rozenburg war damals die einzige Fabrik, die über eine reiche Auswahl an Farben verfügte die auf Biskuit gebracht werden konnten, hohes Feuer aushielten und dadurch ihren Glanz und Farbenfrische behielten. So war eine dauerhaft haltbare und intensive Farbgebung möglich, auch wenn dies technisch nicht leicht umzusetzen war. Das Glasieren fand mit Hilfe der Tauchmethode statt. Die Gefäße wurden mit einer Glasurzange gefasst und schnell durch den Glasur-Bottich gezogen. Die Zangenspuren verschmolzen dann im Ofen.

Dekor Die Bemalung war eigenständig: Japonesque, ausgefallene Chinoiserien, verästeltes Pflanzenwerk in bunten aber abgestimmten Farben. Die Tier- und Pflanzenwelt wurde zu ornamentalem Dekor verarbeitet. Die Motive sind unterschiedlich, von rosettenartigen Ornamenten bis zur freien Stilisierung von Tieren, Blumen und Landschaftsmotiven. 1883 gab es in Amsterdam eine Ausstellung mit javanischem Kunsthandwerk, darunter Batik. Die javanischen Batiken zeigen naturalistische und stark von Pflanzen, Blumen und wirbelnden Pflanzen inspirierte Motive, ebenso wie Vögel, Pfaue oder Schmetterlinge. Die Kunst aus den indonesischen Kolonien beeinflusste die niederländischen Jugendstilkünstler der ‚Nieuwen Kunst’. Auch die Rozenburger Künstler blieben nicht unbeeindruckt. Exotische Vögel oder Spinnen sind ein beliebtes Motiv auf den Eierschalenporzellanen von Rozenburg. Bei den Pflanzen werden Chrysanthemen, Flieder oder Disteln bevorzugt. Viele Motive sind auch aus japanischen Vorbildern entlehnt, die in den fernen Ländern einen gewissen Symbolgehalt besitzen. Die Blumen sind fast immer mit feinen Strichen naturalistisch wiedergegeben, Landschaften dagegen immer stilisiert, bisweilen auf bloße Linien reduziert, die in ein Blumenmotiv übergehen. Häufig wird die dekorative Wirkung einfach durch ineinander verschlungene unregelmäßige Farbflecken erreicht. Motive gehen kunstvoll in die Form über und bilden eine Einheit. Manchmal lässt der Dekor viel Freifläche. Das könnte auf den Einfluss japanischer Holzschnitte zurückgeführt werden. Der asymmetrische, diagonale Bildaufbau und der Dekor ohne eine Schattenwirkung gegen einen raumlosen Hintergrund ist typisch. Diese Anordnung auf der Fläche lässt die Gefäße zudem optisch leicht wirken und unterstreicht die dünne Materialbeschaffenheit.

Signaturen und Markenwesen Die Maler verewigten sich alle mit ihrer Signatur auf der Unterseite der Gefäße neben der Fabrikmarke, die sie häufig änderten. Der Meistermaler Samuel Schellink beschäftigte sich sehr intensiv mit den Eierschalenporzellanen, ebenso spielten die Maler Hendrikus Gerardus Antonius Huyvenaar, Jacobus Willem van Rossum oder W. P. Hartgring eine größere Rolle. Seit 1890 wurde die Marke Rozenburg den Haag als Manufakturmarke verwendet, 1892 kam der Storch hinzu, seit der Pariser Weltausstellung 1900 in Anerkennung des großen Erfolgs gehörte die Krone mit zur Bezeichnung. Königin Wilhelmina verlieh der Manufaktur den Namen Königliche Porzellan- und Faiencefabrik Rozenburg. Als Jahreszeichen dienten Buchstaben, seit circa 1899 wurden bildliche Zeichen eingeführt, zum Beispiel Bienen, Anker oder Laternen. Des weiteren finden sich Zeichen betriebsinterner Arbeitsabläufe.

Sylvia Kellerer M.A.

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