Aalto, Alvar (1898 - 1976)

Er gilt als der bedeutendste finnische Architekt und Designer der Moderne: Hugo Alvar Hendrik Aalto. Rund 100 Entwürfe kann Quittenbaum von ihm und seiner Frau Aino Marsio-Aalto in dieser Auktion 096A anbieten. Zu den Highlights der Offerte gehören der berühmte Paimio-Sessel '41' (Katalognr. 42) in einer Ausführung aus den späten vierziger Jahren und der Stuhl 'Folk Senna', den der Architekt 1929 im Rahmen seiner ersten Experimente mit der Verformung von Schichthölzern entworfen hat - die Sitzschale ist gebogen, das Untergestell besteht aus Stahlrohr (Katalognr. 14). Das Angebot der Auktion bildet das gesamte Repertoire des erfolgreichen Entwerfers ab: Deckenlampen wie die dekorative 'Golden Bell' (Katalognr. 62,65), Beistelltische, Servierwagen, Vasen und Service aus Glas sowie Stühle, Sessel, Schränke und Wandleuchten, die er Anfang der dreißiger Jahre für das nach seinen Plänen erbaute Tuberkulosesanatorium in Paimio entworfen hat.

Von 1916 bis 1921 studierte Alvar Aalto Architektur an der Technischen Hochschule in Helsinki. Danach arbeitete er als Ausstellungsgestalter und unternahm Reisen durch Europa und Skandinavien. 1923 eröffnete er sein eigenes Architekturbüro in Jyväskylä im Keller des Hotels und warb charmant unbescheiden für seine Firma mit einem großen Schild: BÜRO ALVAR AALTO FÜR ARCHITEKTUR UND MONUMENTALKUNST. Als Mitarbeiterin stellte er die junge Architektin Aino Marsio (1894-1949) ein, die er 1924 heiratete und mit der er fortan eng zusammenarbeitete. Zu den wichtigsten architektonischen Projekten zu Anfang seiner Karriere gehören das Haus der Arbeiter in Jyväskylä (1924-1925), sein eigenes Wohnhaus in Turku, die Stadtbibliothek von Viipuri (1927-1935, heute Russland) sowie das berühmte Tuberkulosesanatorium in Paimio (1928-1933).

Seinen Durchbruch als Möbeldesigner feierte Aalto mit gebogenen Schichtholzstühlen. Schon Mitte der zwanziger Jahre hatte er mit Verformungen von Holz und Schichtholz experimentiert. Zusammen mit dem Möbeltischler Otto Korhonen, dem technischen Direktor der Möbelfirma Oy Huonekalu-ja Rakennustyötehdas, untersuchte er Klebetechniken sowie neue Möglichkeiten der Holzformung. Die Hersteller J. & J. Kohn und Thonet gehörten zu den Vorreitern auf diesem Gebiet. Zu Aaltos Vorbildern zählten jedoch auch die gebogenen Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe. Ende der zwanziger Jahre entwarf Aalto beispielsweise den Armlehnstuhl '50101' (Katalognr. 10), für den Aalto bei einer Möbelausstellung 1930 in Finnland den ersten Preis gewann. Zu den frühen Entwürfen in seiner Karriere als Möbelgestalter zählt auch der 'Folk Senna Chair' (Katalognr. 14) – benannt nach Erik Gunnar Asplund’s Stuhl ‚Senna’ – mit einer Sitzfläche aus gebogenem Sperrholz auf Stahlrohr, den Aalto „the world’s first soft wooden chair“ (Alvar Aalto furniture, o. S.) nannte. Aalto hatte den Stuhl im Rahmen einer gesamten Schlafzimmereinrichtung entworfen, und er konnte auf Wunsch auch mit einer abnehmbaren Polsterung versehen werden.

Alvar Aaltos bedeutendste Erfindung war jedoch das aus Schichtholz gebogene L-förmige Stuhl-oder Tischbein, das der sehr wortgewandte Architekt als „die kleine Schwester der Säule“ bezeichnete (Louna Lahti, 2009, S. 29). Mit den gebogenen Hölzern ließen sich horizontale und vertikale Elemente problemlos verbinden. Bei der Anbringung der Stuhlbeine wurden keine Rahmen oder Stützen mehr benötigt, sie wurden direkt an der Unterseite des Sitzes angebracht wie bei dem stapelbaren dreibeinigen Hocker '60' (Katalognr. 264).

Die wichtigsten Einrichtungsideen und Möbelentwürfe entwickelte Alvar Aalto gemeinsam mit seiner Frau Aino für das Tuberkulosesanatorium in Paimio bei Turku (1928-1933). Hier verwirklichte er ein Gesamtkonzept: Architektur, Möbel, Lampen, „My furniture is seldom, if ever, the result of professional design work. Almost without exception, I have done them as a part of an architectural wholeness ... as an accompaniment to architecture.“ (Alvar Aalto Möbel. Die Sammlung Kossdorff, S. 9.). Im Vordergrund bei seinen Überlegungen standen die Bedürfnisse der Benutzer: „The sanatorium needed furniture that should be light, flexible, easy to clean and so on. After extensive experimentation in wood, the flexible system was discovered and a method and material combined to produce furniture that was better for the human touch and more suitable as the general material for the long and painful life in a sanatorium.“ (Alvar Aalto Möbel. Die Sammlung Kossdorff, S. 14.) Es entstanden also leicht zu reinigende Möbel aus Metall wie die Wandleuchten aus weiß lackiertem Blech (Katalognr. 46), Tischlampen sowie leichte, stapelbare Hocker. Die Paimio-Wandgarderobe (Katalognr. 9) hingegen, in der Patienten ihre Kleidung aufbewahrten, wurde aus gebogenem und weiß lackiertem Sperrholz gefertigt. Für die Halle des Sanatoriums entwarf Aalto den Armlehnsessel '41' (Katalognr. 42), den er nicht wie üblich aus massiv gebogenem Holz fertigte, sondern um das „schwingende Gefühl von Stahlrohrmöbeln“ zu vermitteln, aus Birkenschichtholz, was zudem noch eine höhere Haltbarkeit versprach. Da die Möbel aufgrund der geforderten Hygiene leicht zu reinigen sein mussten, kamen Polsterungen nicht in Frage. Erst später wurden Paimio-Modelle auf Wunsch der Kunden mit Polstern versehen, wie das Paimio-Sofa '544' (Katalognr. 49).

Mit der Fertigstellung des Sanatoriums im Sommer 1933 gelang Aalto der internationale Durchbruch als Architekt und Möbeldesigner. Der Grundstein für den Siegeszug seiner Sperrholzmöbel in weich geschwungenen Formen war gelegt.

Angespornt durch die internationalen Verkaufserfolge, und um seine Möbel besser vermarkten zu können, gründete Alvar Aalto gemeinsam mit seiner Frau Aino und Maire und Harry Gullichson, für die Aalto die berühmte Villa Mairea baute, 1935 die Möbelfirma Artek. Im Zeichenbüro von Artek, unter der Leitung von Aino Aalto als künstlerische Leiterin, wurden Variationen und neue Anwendungen der klassischen Modelle Aaltos aus den dreißiger Jahren entwickelt; die Produktion verblieb in Korhonens Fabrik in Turku. Es entstand das Y-Bein (Katalognr. 76) und das X-Bein (Katalognr. 129).

Aaltos bevorzugtes Material war Holz, aber er gestaltete auch Glas. 1936 nahm er am Design-Wettbewerb der Glasfirma Iittala mit Vasen und Schalen teil. Im selben Jahr wurde sein Büro mit der Inneneinrichtung des Luxus-Restaurants 'Savoy' in Helsinki beauftragt. In diesem Kontext entwarf Aalto seine berühmte 'Savoy'-Vase (Katalognr. 59). Sie besticht durch ihr zukunftsweisendes organisches Design und ihre rhythmisch asymmetrische Form.

Bei seinen Lampenentwürfen arbeitete er eng mit dem Metallarbeiter Viljo Horvonen zusammen, der 1952 die Beleuchtungskörperfabrik 'Valaistustyö' gründete, die zahlreiche Lampenentwürfe von Alvar Aalto produzierte. Schon 1937 entwarf Aalto für das Restaurant 'Savoy' die Hängeleuchte 'Golden bell' (Katalognr. 136), die durch ihre schlichte Eleganz besticht.

Große Erfolge feierte Aalto mit seinen Möbeln in den dreißiger und vierziger Jahren in England und in den USA, und er beeinflusste Designer der Nachkriegszeit wie Charles und Ray Eames. als Professor für Architektur wirkte er 1946-1948 am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge/USA. Nach dem Tod von Aino heiratete er 1952 die Architektin Elissa Mäkiniemi, mit der er bis zu seinem Tode zusammenarbeitete. In seinem „Spätwerk“ konzentrierte sich Aalto wieder ganz auf seine Bauprojekte, seine Vorstellung vom Möbelentwerfen und Einrichten behielt er unverändert bei: die Verbindung von Form und Funktion, die bevorzugte Verwendung von Schicht- und Sperrholz ist für ihn ein „forminspirierendes, zutiefst humanes Material“ (Göran Schild, Alvar Aalto Sketches, Cambridge, Mass. 1987, S.77) - sowie eine organische Formensprache. Alvar Aalto schuf mit seinen Entwürfen Meisterwerke der Moderne, wurde zum Wegbereiter für die Weltkarriere für schichtverleimtes Holz.

Stephanie Häfele B.A.

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