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Kunst schätzen
Auktion 096C: Richard Matouschek - Gemälde und Grafiken aus einer Hamburger Privatsammlung - 31.05.2011
Richard Matouschek (1920 – 1976)
– Gemälde, Zeichnungen und Grafiken aus einer Hamburger Privatsammlung.
Die phantastische Malerei ist ein Genre für sich, das sich in der Kunstgeschichte seit der Renaissance, angefangen mit den von Mischwesen bevölkerten Welten des Hieronymus Bosch bis hin zu den auf visionären Erfahrungen fußenden Bildern von Ernst Fuchs, auch heute noch behauptet. „Es hat immer schon Künstler gegeben, die ihre Zeit ausdrückten; und es hat immer schon Künstler gegeben, die nichts ausdrücken wollten als sich selbst“, resümierte Wieland Schmied das Wesen dieser vordergründig anachronistischen Kunstrichtung anlässlich einer Ausstellungseröffnung zur phantastischen Kunst in Deutschland im Jahr 1968. Und weiter: „Phantastische Kunst ist ein Bekenntnis zum Subjektivismus, zu sich selbst, zur Besonderheit des eignen Ichs. Wer phantastische Kunst hervorbringt, der blickt nach Innen, nicht nach außen, dorthin also, wohin ihm primär kein anderer zu folgen vermag.“1 So habe Nicolas Poussin beispielsweise das hierarchische Weltverständnis des Barock in heroischen Landschaften mit unversehrten antiken Tempeln zum Ausdruck gebracht, während zeitgleich Piranesi die Motivwelt der antiken Architektur in das unheimlich dunkle, ausweglos erscheinende Labyrinth der „Carceri“ umdeutete. Der Rokokomaler Fragonard habe die Galanterien der höfischen Gesellschaft porträtiert, während sein Zeitgenosse Johann Heinrich Füssli die Abgründe des Unbewussten schilderte wie in seinem berühmten Gemälde „der Nachtmahr“. Die Liste der Künstler, deren Motivwelten auf der Beschäftigung mit der eigenen Psyche basieren, ließe sich mit berühmten Malern wie James Ensor und Odilon Redon fortführen.
Auch Richard Matouschek gehört zu jenen Einzelgängern, die parallel zu den künstlerischen Moden und Tendenzen arbeiteten. Entdeckt wurde Matouscheks künstlerisches Talent von Ernst Fuchs, der neben Arik Brauer, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden zu den Begründern der so genannten „Wiener Schule des phantastischen Realismus“ zählt. Unter dem Einfluss der vier Wiener Akademieabsolventen, die in altmeisterlicher Lasurtechnik mit religiösen und mystischen Symbolen tragische Ereignisse wie Krieg und Tod, aber auch die Visionen einer besseren Zukunft zum Ausdruck zu bringen wollten, machte der Autodidakt seine ersten künstlerischen Versuche. Neun Monate arbeitete er angeblich an seiner ersten Zeichnung.2 Ernst Fuchs ermöglichte dem angehenden Maler 1958 die erste Ausstellung in seiner Galerie. Zuvor hatte sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Matouschek, der alleine mit seiner Mutter aufgewachsen war, mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen. Er verdingte sich als Kutscher, Helfer auf einem Bauernhof und als Kohlenträger, während er nachts feierte und seinen legendären Ruf als Boogietänzer in der Jazzbar Adebar pflegte.3
In der Kunst fand Matouschek Ende der fünfziger Jahre eine neue Lebensaufgabe. Anfangs kreisten seine feinen, detailreichen Zeichnungen und Grafiken um die Kraft des Bösen und die dunklen Seiten der Sexualität wie bei den Katalognummern 23 bis 25. Prägend für seine Bilderfindungen wirkten sich vor allem seine Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges aus. Nach einer Verwundung 1943 hatte er sein rechtes Augenlicht verloren, worauf vermutlich die in einigen Gemälden dargestellten Männerköpfe anspielen, die entweder im Profil erscheinen und nur ein Auge zur Schau stellen oder ein Auge geschlossen halten.
Landschaften gehörten während seiner gesamten künstlerischen Karriere zu seinen Lieblingssujets wie auch die 22 Landschaftsgemälde in diversen Formaten in diesem Katalog illustrieren. Matouschek schuf eindrucksvolle Phantasielandschaften in sorgfältiger Feinmalerei mit Hügeln, Gebirgsketten, Steinen und Gräsern, die an unwirtliche Steppen, Wüsten oder Winterlandschaften erinnern. Über diesen unbewohnten, menschenleeren Regionen, die nicht von dieser Welt zu stammen scheinen, spannt sich oft kontrastreich ein nachtdunkler Himmel. „Ich male. Ich male, was mich mein Auge sehen lässt, wenn ich es schließe. Die Natur, die Landschaft, unbewohnt, eisig, ohne Erbarmen, das wir so gerne erflehen.“, kommentierte der Künstler seine Naturerfindungen, die nur hin und wieder belebt werden durch Insekten oder Vögel und die der Experte für phantastische Literatur und Autor Rein A. Zondergeld an die Urlandschaften der Schöpfungsgeschichte erinnerten.
Auch der weibliche Akt spielt in seinem Oeuvre eine herausragende Rolle. In seinen frühen Werken dominiert eine aggressiv erotische Ausstrahlung der oft deformierten Körper. In seinem Spätwerk scheinen die Frauenkörper jedoch für Harmonie und Schönheit zu stehen. Eine Sonderstellung in seinem Oeuvre nehmen die so genannten Segmentbilder ein (siehe Katalognummern 34 bis 37), da sie dem Betrachter gleichsam ein Resümee seiner Symbolwelt präsentieren. Die Landschaft, der weibliche Akt und der einäugige Männerkopf wurden von Richard Matouschek auch in seinen Einzelbildern immer wieder in Szene gesetzt. Aber obwohl er unter dem großen Einfluss von Ernst Fuchs und seinen Künstlerfreunden stand, unterscheiden sich seine Bilder von denen seiner Mentoren, in denen Symbole der Kabbala und des Okkultismus erscheinen. Matouscheks Werke lassen sich nicht entschlüsseln. Ganz bewusst verzichtete der Maler ab 1964 darauf, seinen Bildern Titel zu geben, um dem Betrachter einen größtmöglichen Interpretationsspielraum einzuräumen. Mitte der sechziger Jahre zog Richard Matouschek nach einem Aufenthalt in Paris nach Düsseldorf und erprobte eine neue Maltechnik in Öl, die ihm größere gestalterische Freiheiten verschaffte. Vor allem in seinen späteren Landschaften macht sich verstärkt ein Streben nach Abstraktion bemerkbar wie bei den Katalognummern 20 bis 22. Aus den Gemälden seines Spätwerks spricht Harmonie. Durch das Malen seiner Ängste, seiner negativen Erfahrungen und Visionen gelangte Richard Matouschek, wie schon Rein Zondergeld resümierte, zu einer inneren Ruhe, die sich in seinen Gemälden widerspiegelt.
1) Wieland Schmied, Phantastische Kunst in Deutschland, in: Brusberg Berichte, Informationen der Galerie Brusberg, Bd. 2, 1968, S. 13–16.
2) Vgl. Ausstellungskatalog der Galerie Matou Hamburg, Richard Matouschek, mit einem Text von Friedhelm Volbach, Hamburg 1971.
3) Rein A. Zondergeld, Der Weg aus dem Labyrinth. Überlegungen zum Werk und Leben Richard Matouscheks, Ausstellungskatalog ohne Ort, ohne Jahr.









