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'Gerrit Rietveld - Die Revolution des Raumes'
17. Mai 2012 bis 16. September 2012
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05.05.2012

... aus dem Nachlass von Franz Hart

Möbel des Münchner Architekten.
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Vortrag von Pierre Brossard

Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Glastechnischen Gesellschaft im
Deutschen Museum,
München, 28.09.2009.

Titel: Ein aktueller Blick auf das Glas des 20. Jh. innerhalb des Auktionshandels

Meine Damen und Herren,



lassen Sie mich Ihnen an ausgesuchten Beispielen der vergangenen Jahre, die
ich persönlich bearbeitet habe, einen Versuch der Tendenzen im Auktionsmarkt
für Jugendstilglas darzustellen.
Ich werde nicht den gesamten internationalen Markt untersuchen, dies können
Sie sogar anhand der regelmäßig in der Presse erscheinenden Artikel und
Berichte selbst genauso gut nachvollziehen. Wie schon vorgemerkt, werde ich Ihnen
Gläser und Objekte vorstellen, die ich in meinem Tätigkeitsbereich bei Quittenbaum in
München und anderen Münchner und deutschen Häusern besonders
gründlich untersucht habe.


Meine Arbeit als Experte für Jugendstilglas seit mehreren Jahrzehnten bot
mir die wohl einmalige Gelegenheit, tausende von Vasen zur Hand zu nehmen,
darunter eine relativ große Anzahl von besonders guten, ja hervorragenden
Stücken... Als ich in dieser Sparte anfing zu arbeiten, standen uns nur eine
begrenzte Anzahl von Fachbüchern zur Verfügung, damals standen die
Kenntnisse dieser noch ‚jungen’ Materie noch in den Kinderschuhen. Die
Sammler, die eine öffentlich zugängliche Kollektion zusammengetragen hatten,
waren noch wenige, teilweise als Sonderlinge angesehene Personen. Damals
erreichten Gläser des Jugendstils und Art Nouveau nur relativ ‚bescheidene’
Preise. Obwohl diese Kollektoren der ‚ersten Stunde’ sich diese Stücke
förmlich erspart haben, haben manche von Ihnen mir erzählt, wie sie das eine
oder andere Stück sogar in Raten abbezahlt haben.


Vor gut dreißig Jahren waren Spezialauktionen kaum an der Tagesordnung. Der
Markt für Jugendstilglas fand hauptsächlich in Paris (auch bei Blache in
Versailles), London, New York, Genf und Monte Carlo statt. Die Pioniere
unter den deutschen Sammlern erwarben selten ihre Vasen im Inland.
Spezialisierte Händler konnte man hierzulande an den fünf Fingern einer Hand
abzählen. Dieser Bereich wurde vom etablierten Antiquitätenhandel ziemlich
belächelt, ja verachtet.
Eine Anzahl von großen Sammlungen waren um 1900 zusammengetragen worden,
vergessen wir nicht, dass Justus Brinkmann aus Hamburg zur Pariser
Weltausstellung fuhr, wo er für mehrere Tausend Goldmark wenige Gallé-Vasen
erwarb, damals konnte man für diese Summe mehrere stattliche Häuser kaufen!



Kehren wir nun zu den Erfahrungen am Anfang meiner Laufbahn zurück. Damals
wohnte ich in Saarbrücken, Ziel meiner Erkundungsreisen waren das Musée de
l’Ecole de Nancy und die Ausstellungen zur Geschichte der Hütte der
Gebrüder Daum am Place Stanislas. Gehört hatte ich von den Reisen eines
amerikanischen Sammlers Jules Traub nach Meisenthal und Umgebung, wo er
unter der Leitung des Vaters eines Freundes die ‚Geburtstätte’ des Art
Nouveau-Glases in Lothringen, inzwischen dokumentiert durch eine
Ausstellung ‚Meisenthal, berceau du verre Art nouveau’ allgemein bekannt
ist. Jules Taub kaufte für ein ‚Appel und ein Ei’ eine ganze Anzahl von
Vasen von Burgun, Schverer & Co ein, die er dann in zwei Auktionen
gewinnbringend versteigern ließ. Sein Begleiter, Joseph Pétry, hat nie
verwunden, dass er Vehikel war für die Plünderung eines Großteils des
Patrimoniums des lothringischen Glases.


Langsam wuchs im Bewusstsein der Sammler der Wert des Jugendstilglases in
Deutschland, damals entstanden die Sammlungen Funke-Kaiser in Köln, Karl
Bröhan in Berlin, Hentrich in Düsseldorf, Gerda Koepff auch in Düsseldorf.
Düsseldorf wurde unter der Leitung von Helmut Ricke zu einem Zentrum des
Jugendstilglases in der Welt. In Düsseldorf fand auch die Epoche machende
große Lötz-Ausstellung statt, in Zusammenarbeit mit Ernst Ploil aus Wien und
mehreren Fachleuten der Tschecheslowakei, darunter Jan Mergl. Ich hatte das
Glück, wenige Jahre vorher bei Wolfgang Ketterer die Sammlung Oskar Schmidt
aus Wien zu bearbeiten, die später eine ganze Anzahl der Haupstücke der
Düsseldorfer Lötz-Ausstellung bildeten.



Gleichzeitig am Anfang der 1980er Jahre entstand die größte Sammlung
böhmischen Glases weltweit, die heute im Passauer Glasmuseum ausgestellt
ist. Bei Ketterer und anderen deutschen Auktionshäusern konnte ich
beobachten, wie ein Beauftragter von Georg Höltl meist alle wichtigen Vasen
von Lötz und anderer böhmischen Manufakturen den anderen Sammlern
wegschnappte. Für die Bearbeitung seiner Kataloge hat Georg Höltl Jan Mergl
und andere tschechische Spezialisten beschäftigt. Durch diese Forschungen
und ihre Publikation haben sich unsere Kenntnisse des böhmischen und
besonders des Lötz-Glases präzisiert. Eine ganze Anzahl von böhmischen
Vasen, die früher als ‚Lötz’ eingeordnet wurden, konnten als Erzeugnisse
anderer Glashütten bestimmt werden. Diese Erkenntnisse hatten
selbstverständlich eine von der allgemeinen finanziellen Entwicklung
unabhängige Situation zur Folge, bedeutend war natürlich auch das
Fernbleiben Höltls vom Auktionsgeschehen, weil seine Sammlung inzwischen als
‚komplett’ angesehen werden kann. Nicht unwichtig für diese
‚Normalisierung’ des Lötz-Marktes dürfte hinzukommen, dass eine der
Hauptquellen der schönsten Vasen dieser Glashütte, nämlich die USA zum
großen Teil aus dem Besitz ehemaliger Emigranten inzwischen fast
ausgeschöpft ist. Für uns bei Quittenbaum war es ein Glücksfall, dass vor
wenigen Jahren eine im Zeitraum von ca. 30 Jahren zusammengetragene
Privatsammlung von Lötz-Vasen durch Vermittlung des bekannten Pariser
Sammlers Barlach Heuer angeboten wurde, die wir als Sonderkatalog
versteigern konnten.


 

Die Versteigerung von Privatsammlungen gehört zu den Höhepunkten des
Auktionsgeschehens. Es war deswegen ein besonderer Umstand für uns, dass uns
in den letzten Jahren mehrere Prachtstücke aus einer Düsseldorfer Ausstellung ‚Glas aus Privatbesitz’, 1976, vorgestellte Kollektion
angeboten wurden, die ich Ihnen jetzt vorstellen möchte.


Als erstes, die bisher kostbarste und eine der teuersten Jugendstilvasen, die
in den letzten Jahren versteigert wurden, eine ‚Rose de France’ von Emile
Gallé. Die Kostbarkeit dieser nicht sonderlich großen Vase lässt sich durch
die angewandte Technik und die Schwierigkeit ihrer Ausführung erklären. Es
sind wenige Exemplare von Vasen und Flakons mit diesem Dekor bekannt. Die
kostbarsten und wohl bedeutendsten darunter sind zwei Pokale, einer davon im
Musée de l’Ecole de Nancy, der andere in der Sammlung Funke-Kaiser des
Kölner Kunstgewerbemuseums, übrigens eine der wenigen Vasen dieser Sammlung,
die dort verblieben sind, inzwischen wurden die meisten der Leihgaben wieder
herausgenommen, eine Gallé-Vase aus diesem Bestand, eine ‚Etude’ die wir
am 20. Oktober anbieten.


Unsere ‚Rose de France’ zeichnete sich durch die Güte ihrer Ausführung aus,
die große Blüte war stark reliefiert (ca. 1 cm.), die Wiedergabe mit Gravur
herausragend, eine ähnliche, publizierte Vase zeigt deutlich wenige straffe,
eher ‚schlaffe’ Zweige. Diese besondere Qualität zog die Sammler aus dem In-
und Ausland an. Am Vorabend der Auktion konnten wir mehrere Sammler aus
Paris begrüßen, die die Vase gründlich und wiederholt begutachteten,
anschließend zum Mobiltelefon griffen und ihrem Gesprächspartner die Vase in
Einzelheiten beschrieben. Dieses Interesse hatte ein spannendes Bietgefecht
zur Folge...im voll besetzten Saal im historischen Gebäude des Bankhauses
Reuschel & Co, Friedrichstrasse, waren mehrere angereiste Bieter anwesend,
es standen zehn Telefonleitungen zur Verfügung. Askan Quittenbaum rief die
Vase mit 30.000 € auf, 'mein’ Telefonbieter aus der Schweiz hörte bei
100.000 € auf und bat, weiter mithören zu dürfen, stieg bei 130.000 € wieder
ein und warf dann bei 160.000 € das Handtuch, der Zuschlag von 165.000 €
ging nach Paris, begleitet von lang anhaltendem Beifall, das war für uns der
bisher höchste Zuschlag in einer Auktion.



Eine weitere Vase aus dieser Kollektion ist eine ‚Parisette à quatre
feuilles’ (vierblättrige Einbeere). Gallé war schon als Schüler und
Gymnasiast ein begeisterter Pflanzenfreund, auf dem Weg zur Schule hatte
er in Nancy, in der sog. ‚Pépinière’, dem zur Zeit der lothrigischen Herzöge
angelegten botanischen Garten besucht, wo er seltene Pflanzen und Blüten
studieren konnte, darunter diese kuriose, besonders giftige Einbeere.



In der genannten Sammlung befand sich auch eine flaschenförmige Marqueterie
mit grosser Narzissenblüte, des weiteren eine ‚Gentiana’, auch eine kleine
Kostbarkeit. Ganz eindeutig konnte nicht festegestellt werden, ob die Vase
zu den Exponaten bei der Pariser Weltausstellung 1900 gehörte, die in der
Vitrine der Exposition Universelle sichtbare, modellgleiche Vase lässt sich
wegen der Perspektive auf dem Foto nicht eindeutig als die von uns
versteigerte Vase identifizieren.



 

Nach der Vorstellung dieser Stücke und einer vielleicht etwas langen
Einleitung, sollten wir uns möglicherweise als Ansatz zu einer Diskussion
einer immer auftauchenden Problematik wenden. Ich meine das Thema der
Fälschungen, das wiederholt auch von der Presse aufgegriffen wird. Vor
einigen Jahren kam eine Meldung des bekannten Gallé-Fachmannes Philipp
Garner, es wäre bekannt geworden, dass nach der endgültigen Liquidation der
Gallé-Glashütte Ende der 1930er Jahre die Formen der damals hergestellten
kostbarsten und teuersten Vasen von einem Notar erworben worden wären, diese
Modelle wären dann bis in späten 1940er und 50er Jahren hergestellt worden,
in tausenden von Exemplaren....wohlgemerkt in einer Zeit als der Name Gallé
kaum eine Bedeutung besaß, außerdem in der Folgezeit des 2. Weltkrieges, als
in Nancy die Bevölkerung gewisslich andere Sorgen hatte, als durch hoch
spezialisierte Fachkräfte Vasen herstellen zu lassen.
Nun kommt meine
Frage: Für wen waren diese angeblich qualitativ noch besseren als die
‚Originalen’ produziert? Wer bezahlte diese Glasbläser und Dekorateure,
um Vasen zu produzieren, die erst in 40 Jahren später gewinnbringend
verkauft werden sollten???

Seltsamerweise kam diese Nachricht
‚rechtzeitig’, als in Tokyo 1991 eine Gallé-Vase ‚la Nature’ einen Zuschlag
von umgerechnet ca. 2.000.000 DM erzielte. Es gibt in der Tat Fälschungen
bzw. Imitationen von Gallé und Daum-Vasen aus Rumänien, auch aus Montbronn
in Lothringen, sog. ‚Type-Gallé’ oder Gallé-Tip’, diese Bezeichnung wird
gelegentlich retuschiert und es bleibt nur der Namenszug ‚Gallé’
übrig.... Solche Vasen wurden uns (mir) angeboten, eine Anzahl finden Sie
auch im Internet... Empfehlen kann ich Ihnen nur raten, dass Sie sich im
Falle eines Angebotes per Email vorsehen sollten, die Qualität und
Ausführung der Kopien ist wesentlich besser als vor 15 Jahren.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit

Pierre Brossard